ARCHITEKTUR UND KUNST 2

Literatur in Hamburg
von Matthias Wegner Hamburg – eine Stadt der Literatur? Das klingt erst einmal so wirklichkeits¬fremd, als ob man Weimar zur Handels¬metropole ernennen wollte. Hamburg ist seit Jahrhunderten eine Stadt des Handels, seit 1945 auch Medienstadt. Die Literatur stand hier stets etwas im Schatten, die Zahl der Poeten, die Hamburg, enttäuscht über ihr geringes Echo, den Rücken gekehrt haben, ist beträchtlich. Aber das Klischee von den musenfeindlichen »Pfeffersäcken« ist beinahe so alt wie die Stadt selbst.
Dennoch: Wirft man einen Blick in die Hamburger Literaturgeschichte, so überrascht die Vielzahl an poetischen Talenten, welche die Stadt hervorge¬bracht oder zumindest beherbergt hat. Friedrich Gottlieb Klopstock (1724- 1803) galt seiner Zeit seit seinem Ver- sepos »Der Messias« als Deutschlands größter Dichter. Nie wurde ein Poet in Hamburg aufwendiger zu Grabe getra¬gen. Es war ein Staatsakt, und sein Grab an der Christianskirche von Ot¬
tensen wurde zum Wallfahrtsort. Gott¬hold Ephraim Lessing (1729-1781), der Dramatiker, Essayist und Verfasser der »Hamburgischen Dramaturgie«, lebte drei Jahre nur allzu gerne in der Stadt, in die ihn Kaufleute gelockt hatten, be¬vor er wegen des Niedergangs seines Theaters und finanzieller Katastrophen enttäuscht nach Wolfenbüttel ziehen musste. Allerdings haben die Hambur¬ger seine »Minna« damals nur gelang¬weilt aufgenommen. Heute erinnert am Gänsemarkt ein schönes Denkmal an diesen großen Dichter.
Matthias Claudius (1740-1815), ebenso frommer wie heiterer Redak¬teur des »Wandsbecker Boten« und ly¬rischer Vorläufer der Romantik, starb am Jungfernstieg, im Hause seines Schwiegersohnes Friedrich Perthes.
Heinrich Heine (1797-1856), dem sein Onkel Salomon am Jungfernstieg ein kleines Manufakturwarengeschäft eingerichtet hatte, lebte mit Unterbre¬chungen sieben Jahre in der Stadt. Das kleine »Heine-Haus« an der Elbchauss- see und ein zweites Heine-Denkmal auf dem Rathausplatz – das erste im Stadtpark ließen die Nazis einschmel- zen – erinnern an ihn. Er hat Hamburg und die Hamburger so ironisch treffend wie kein anderer charakterisiert.
Friedrich Hebbel (1813-1863) fühlte sich in Hamburg aus vielerlei Gründen unwohl. Am Johanneum hatte er das Abitur nicht geschafft, seine Beziehung zu Elise Leasing – er wohnte mit ihr am Stadtdeich und war Vater ihrer beiden Kinder – ging bald in die Brüche, und seine großen Theaterstücke entstanden anderswo (in Wien). Doch seine Erinne¬rung an Hamburgs großen Brand von 1842 hat Spuren in seinem dichteri¬schen Werk hinterlassen.
An der Wende zum 20. Jh. hat der Dichter Richard Dehmel (1863-1920), dem Hamburger Verehrer(innen) sogar eine stattliche Villa schenkten, zahlrei¬che Koryphäen der Kunst an die Elbe gelockt, und in ihrem Umfeld ent¬wickelte sich in Hamburg dann doch ein bürgerlich-literarisches Bewusst¬sein. Joachim Ringelnatz (1883- 1934), der am Dovenhof eine erfolglo¬se Lehrzeit in einer Dachpappenfabrik absolvierte, hat Hamburg wiederholt auf das Liebenswerteste besungen (»In Hamburg lebten zwei Ameisen…«). Hans Leip (1893-1983) verklärte in sei¬nen Gedichten, Romanen und Erzäh¬lungen vergnügt-melancholisch die längst entschwundene Atmosphäre an den Kais und in den Bars des Hafens. Er gehörte wie Hans Henny Jahnn (1894-1959) zu den Organisatoren der berühmten Hamburger Künstlerfeste im Curiohaus, bei denen auch Gustaf Gründgens (1899-1963), der umjubel¬te Star der Hamburger Kammerspiele, eigene Lieder vortrug.
Während des Dritten Reiches blie¬ben manche Repräsentanten der schreibenden Kunst ebenso wenig vom nationalistischen Irrsinn verschont wie die oft noch anpassungswilligeren Kaufleute. Namhafte Autoren – Heinz Liepmann (1905-1966), Peter Gan (1894-1974) oder Joachim Maass (1901-1972) – flohen ins Exil oder wur¬den inhaftiert. Willi Bredel (1901 -1964), emigrierte nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus Fuhlsbüttel nach Mos¬kau. Als der braune Terror vorüber war, schlugen schnell wieder literarische
Flammen aus den Ruinen. Hans Erich Nossack (1901) beschrieb erschütternd den Untergang Hamburgs während der Bombenangriffe. Wolfgang Borcherts (1921-1947) Geburtshaus steht in der Tarpenbeckstraße. Er avancierte, ohne dass er es noch erleben durfte, mit sei¬nem Theaterstück »Draußen vor der Tür« an den Hamburger Kammerspie¬len in der Hartungstraße zu dem Autor der »Stunde Nulk Nicht zuletzt der Rundfunk entwickelte sich jetzt zu ei¬nem Zentrum der Literatur. Hier arbei¬teten und schrieben Autoren wie Wolf¬gang Hildesheimer (1916-1991), Ernst Schnabel (geb. 1913) oder Hubert Fichte (1935-1968) und viele andere.
Siegfried Lenz lebt seither als der er¬folgreichste Hamburger Autor in Oth¬marschen. Später ließen sich Ulla Hahn (an der Alster) und Brigitte Kronauer (nahe der Elbe) in Hamburg nieder. Uwe Timm, dessen Erzählung »Die Entdeckung der Currywurst« eine fes¬selnde Hamburger Nachkriegsge¬schichte erzählt, oder Peter Rühmkorf, dessen lyrische Kunststücke am Elb¬ufer entstehen, sind nur einige der Au¬toren, die heute dafür sorgen, dass Hamburg auf der literarischen Land¬karte wieder eine Rolle spielt. Das fast immer randvoll gefüllte Literaturhaus am Schwanenwyk ist der wichtigste Grund dafür, dass die großen und klei¬nen Dichter in Hamburg endlich einen gebührenden Treffpunkt haben. Ent¬standen ist es mit der Hilfe des einsti¬gen ZEIT-Verlegers Gerd Bucerius, die Stadt und nicht wenige vermeintliche »Pfeffersäcke« fördern das Haus gro߬zügig. Literatur und Hamburg – das ist nur scheinbar ein Gegensatz.
Matthias Wegener veröffentlichte u.a. folgende Bücher: Exil und Litera¬tur / Klabund und Carola Neher. Eine Geschichte von Liebe und Tod / Han¬seaten. Von stolzen Bürgern und schönen Legenden / Aber die Liebe. Der Lebenstraum der Ida Dehmel / Ein weites Herz. Die zwei Leben der Isa Vermehren.

Für mehr Infos: 2 Tage Mekong Delta, Touren Halong Bucht, Vietnam Kambodscha Rundreisen |  Circuit vietnam hors de sentiers battus | tour vélo ninh binh 2jours  | voyage vietnam 3 semaines

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