KLEIN JERUSALEM – JÜDISCHES LEBEN IM GRINDELVIERTEL

In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts war das Grindelviertel das Zen¬trum der Hamburger Juden. Im Grindelviertel traf man sich in der Synagoge, in den vielen koscheren Läden, in der hebräischen Buchhandlung, in Schulen oder im Kulturverein, sprach Jiddisch, Polnisch oder Hochdeutsch, je nachdem, ob sich Ostjuden, Hamburger Juden oder Christen im Viertel begegneten.
Der jüdische Philosophieprofessor Ernst Cassirer sah in dem Viertel das »neue Zion«: »Die Begegnung mit dem Freund und Genossen auf engstem Raum macht diese Gegend so behaglich. Hier ist der besondere Pulsschlag dieser Stadt.« »Je¬rusalem-Express« hieß die Straßenbahn, die hier entlang fuhr, im Volksmund und das ganze Grindelviertel »Klein-Jerusalem«.
Davon ist wenig geblieben. Synagogen, Schulen, Stätten jüdischer Kultur wur¬den abgebrannt, ausgebombt oder zweckentfremdet. Aus dem Tempel wurde ein Rundfunkstudio, aus der Synagoge eine Garage, und manches verschwand spur¬los.
Bis 1931 zählt die jüdische Gemeinde Hamburg 20 000 Mitglieder, die Alto- naer Gemeinde 5000 weitere Mitglieder. Ein Drittel der Juden war 1925 in Harves- tehude/Rotherbaum gemeldet, wobei das Grindelquartier gewissermaßen das Zentrum des »Schtetls« darstellte.
Im Herbst 1941 werden Hamburger Juden in vier Transporten in die Ghettos von Lodz, Minsk und Riga gebracht. Bis 1945 bringen siebzehn Deportationszü¬ge insgesamt 6000 Hamburger Juden in die Konzentrationslager Auschwitz und Theresienstadt.
Sammelplatz für die Schreckenstransporte der Nationalsozialisten ist die Moor¬weide gegenüber dem Dammtor-Bahnhof. Von hier aus werden in aller Öffent¬lichkeit ab 1941 Juden deportiert.
Ein »stummer« Gedenkstein des Bildhauers Ulrich Rückriem an der Ecke Moor- weidentrasse/Edmund-Siemers-Allee auf dem »Platz der jüdischen Deportierten« erinnert daran, dass das 1906 eingeweihte Logenhaus der Freimaurer (Moorwei¬denstraße 36) 1941 Sammelpunkt der ersten Deportationen Hamburger Juden in die Vernichtungslager war. 3200 jüdische Bürger wurden von hier aus abtrans¬portiert. Als Deportationsplatz wurde u. a. auch die Talmud-Tora-Oberrealschule am Grindelhof 30 benutzt. Sie war einst eine der bedeutendsten jüdischen Schu¬len Deutschlands. 1805 als »Israelitische Armenschule der Talmud Tora« feierlich in der Neustadt gegründet und seit 1869 als Realschule anerkannt, zog die Schule 1911 ins beliebte Grindelviertel. Wie stark die jüdische Gemeinde an Integration interessiert war, zeigt die Ermunterung des Direktors bei der Schul-Einweihung: »Werdet tüchtige Juden, tüchtige Deutsche, tüchtige Hamburger! Das walte Gott!« Doch die optimistische Grundstimmung fand mit dem Erstarken der NSDAP in Hamburg ein jähes Ende.
Zwar hatten die Nazis jüdische Privatschulen zunächst gutgeheißen (»entlastet die öffentlichen Schulen von jüdischen Elementen«), Ende April 1942 aber wurde nach einer langen Reihe von Schikanen gegen jüdische Schulen die »Unterrich¬tung von Judenkindern an Schulen« von Reichsstatthalter Kaufmann generell ver-boten wurde. Nach über 60 Jahren nahm die jüdische Schule 2002 den Betrieb wieder auf.
Der Joseph-Carlebach-Platz neben der Schule erinnert an Oberrabbiner und Direktor der Talmud-Tora-Schule, Joseph Carlebach. Er, seine Frau und drei sei¬ner Kinder wurden 1942 im Ghetto Riga ermordet. An dem nach ihm benannten Platz stand die 1906 erbaute Hauptsynagoge, die in der Pogromnacht am 9. No¬vember 1938 verwüstet wurde. Später wurden die Juden zum Abriss ihrer Syna¬goge gezwungen, die Kosten mussten 1940 vom Jüdischen Religionsverband ge¬zahlt werden. Auf dem Platz ist im Pflaster das Abbild der Decke der Synagoge nachgebildet, ein Bild der Synagoge hängt gleich am Eingang des »Alten Pferde¬stalls« am Allendeplatz 1, heute ein Universitäts-Institut. Hier suchten die jüdischen Bewohner des Grindelquartiers Schutz vor den Bomben. Der Zugang zum Bun¬ker war ihnen verboten. Die älteste Synagoge im Viertel auf dem Gelände der Hein- rich-Barth-Str. 3-5 wurde im Krieg zerstört. Die Inneneinrichtung konnte nach Skandinavien gerettet werden. Eine Gedenktafel gibt es nicht.
Auch die heutigen »Hamburger Kammerspiele« in der Hartungstraße 9-11 gehören zum jüdischen Kulturerbe. Da Juden der Zutritt zu öffentlichen Kulturein-richtungen von den Nazis generell untersagt war, erwarb der jüdische Kulturbund Hamburg 1937 die ehemalige Pfennigsche Villa (Architekt: Semmy Engel) und ließ sie umbauen. Es entstand ein Theatersaal mit 450 Plätzen, ein Vortragssaal, eine Bibliothek und ein Restaurant samt Kegelbahn für die jüdische Bevölkerung. Das erste Premierenstück war am 9. Januar 1938 »Romeo und Julia«. Einer der Red¬ner an jenem Tag war der Bankier Max M. Warburg, der den Gedanken des Ge¬meinschaftshauses mit vorangetrieben hatte. Drei Jahre später wurde der jüdische Kulturbund Hamburg, nach Berlin der mitgliederstärkste im Reich, verboten. 1942/43 wurde das Haus als Deportationssammelstelle genutzt und dann kurz¬zeitig vom (zerstörten) Thalia-Theater als Ausweichquartier bezogen. 1946 bekam die jüdische Schauspielerin und spätere Ehrenbürgerin der Stadt Ida Ehre die Kon¬zession für die »Hamburger Kammerspiele« (s. S. 203).
In der Rutschbahn befindet sich im Hinterhof von Nr. 11 noch das Gebäude der Synagoge der »Vereinigten Alten und Neuen Klaus«, eine Einrichtung zum Studium des Talmud, die 1938 verwüstet wurde.
8877 jüdische Hamburger sind von den Nazis ermordet worden. Etwa 8000 emi¬grierten zwangsweise. »Stolpersteine«, in die Straße eingelassene, messingglän-zende Pflastersteine, erinnern heute vor vielen Hauseingängen Hamburgs na¬mentlich an die deportierten und ermordeten Bewohner.

Für mehr Infos: Mekong Flusskreuzfahrten, Ha Long Bucht, Vietnam Kambodscha Reisezeit

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