ST. GEORG

In erster Linie ist St. Georg ein Bahnhofsviertel. Alle sind willkommen. Hier gibt es billige Absteigen und al¬les, was dazu gehört. St. Georg hat aber dank der Als¬terlage auch Schönheit und Pracht zu bieten. Das al¬te Dorf hat sich trotz und wegen der Gegensätze zum Szeneviertel mit großstädtischem Flair entwickelt.

Großer Bahnhof für alle
St. Georg hat viele Gesichter. Und ein deutliches Ost-West-Gefälle. Der Wes¬ten ist schicker. Teure Wohnungen ent¬stehen zwischen Außenalster und Lan¬ger Reihe – in edlen Neu- oder aufwän¬dig renovierten Altbauten. Szenebars wechseln sich mit Hairstylisten, Ge-schenke- und Modeläden. Auf der an¬deren Seite, im östlichen Teil von St. Georg, herrschen immer noch Drogen¬elend und Prostitution. Regisseur Chris¬toph Schlingensief hat, als er 1997 für ein Projekt am Schauspielhaus in St. Georg eingeladen wurde, diese explo¬sive Mischung auf den Punkt gebracht. Am liebsten, erklärte er, würde er die Fassade des Schauspielhauses runter¬reißen, das Gestühl wenden und den Zuschauern so Ausblick verschaffen auf St. Georgs Hauptbahnhofs-Vor- platz. Denn dort spiele »Reality Theatre«: Drogenhandel, Kinderprostitution, Ob¬dachlosigkeit, um Vertreibung bemüh¬te Polizisten inklusive.
Das Schöne an St. Georg ist, dass hier völlig verschiedene Menschen le¬ben und arbeiten – auch die dominan¬te Schwulenszene ist ja in sich sehr heterogen. Dementsprechend vielfäl¬tig ist die Kneipenkultur von cool bis kuschelig.
Glanz und Elend liegen hier ganz un¬mittelbar nebeneinander. Jenseits der Gleise die >Kunstmeile<, die Straße der großen Hamburger Museen, am Außenalster-Ufer repräsentative Alt¬baufassaden und Hotels wie das alt¬ehrwürdige Atlantic oder das modern- minimalistische Royal Meridien (siehe S. 177), die vierspurige gesichtslose Sechslingspforte und der architekto¬nisch wie gesellschaftlich sehr vernach¬lässigte Steintordamm umgrenzen das Viertel und deuten auf die Spannung im positiven wie negativen Sinne hin, die den Stadtteil auszeichnen.
Man muss nur der Langen Reihe fol¬gen, will man spüren, dass Hamburg, das Tor zur Welt, keine Einbahnstraße ist. Gewürze, Chutneys und Koch¬bücher aus Indien gibt’s im »Mahtabi In¬dian Store« (Nr. 9) Wurst und Weine im Regal und einen guten Mittagstisch aus Kroatien, Griechenland oder Un¬garn im »Balkan-Magazin« (Nr. 34), praktische Haushaltswaren bei »Bruno« (Nr. 43), Räucherstäbchen, Sitzkissen und Schmuck aus Nepal im »Everest« (Nr. 46), dem >Himalaya< (Nr. 53) oder aus >Tibet< (Nr. 76), Käse aus Holland im >Kaashandel< (Nr. 57), Mittelmeer¬weine von >Weinkauf< (Nr. 73) oder so¬lide italienische Küche in der >Casa di Roma«. Im Sommer fühlt man sich wie im Süden, so bunt und vielfältig und kommunikativ ist die Atmosphäre.
Nur Kinder fehlen im Straßenbild. Manche Bewohner befürchten, dass ihr 1,8 ha großes St. Georg allmählich sozial auseinanderbricht. Innerhalb ei¬nes knappen Jahrzehnts ist die Anzahl der Einwohner um fast 3000 gesunken. Mit 67,8 Prozent Einpersonenhaushal¬ten ist St. Georg zur Single-Hochburg Hamburgs geworden. Nur in jedem 10. Haushalt leben Kinder. Viele Familien ziehen weg, die Mieten sind zu teuer, und es gibt kaum Spielraum.
Vom Bahnhof ins alte Dorf
Beginnen wir mit Pracht: Der Haupt¬bahnhof, 1906 erbaut und mit einer eindrucksvollen Stahl-Glaskonstruktion überdacht, strahlt nach der letzten Re¬novierung 1991 wieder Metropolenflair aus. Eine Einkaufspassage (So geöff¬net) verbindet die City mit St. Georg.
Vis-ä-vis vom überdachten Bahn¬hofsvorplatz erhebt sich das Deutsche Schauspielhaus. »Man möchte es anbeißen und aufessen, so appetitlich ist es«, schrieb der Hamburger Schrift¬steller Hubert Fichte. Er war obendrein Schauspieler und stand nach dem Zweiten Weltkrieg auf der Bühne des Schauspielhauses mit seinen »ge¬schmackvollen Verzierungen an den Wänden. Kirschenrot und Erdbeerenrot. Haferflockentortenfarbener Plüsch.«
Das Reichshof Hotel Maritim daneben war bei seiner Eröffnung 1910 das größte Hotel Deutschlands, mit prachtvollen Kristallleuchtern und klei¬nem Cafe sowie Bar.
Auf der anderen Seite der Kreuzung Kirchenallee/Lange Reihe gelangt man überden Parkplatz ins kleinbürgerliche St. Georg. Handwerksbetriebe und ein¬fache Häuser prägen das Straßenbild. Die legendäre Kneipe Max & Consor- ten am Spadenteich auf der rech¬ten Seite des St. Georgs-Kirchhofs wurde 1896 als Destille gegründet. Im¬mer wieder Diskussionsstoff bietet das 1986 von Horst Hellinger entworfene Denkmal aus Schiffswrackblechen, ge¬dacht als mahnendes Symbol für das Schiffs- und Werftensterben, auf dem Platz. Das Ding soll Kunst sein? Volks¬vertreter quer durch die Parteien for¬derten die Kulturbehörde immer wieder auf, selbiges zu entfernen. Bislang ver¬geblich.
St. Georgs-Kirchhof
Den Platz rahmt die evangelische Drei¬einigkeitskirche aus dem 18. Jh. am St. Georgs-Kirchhof, dem histori¬schen Dorfkern von St. Georg. Die Siedlung rund um das Siechenhaus für Aussätzige, das um 1200 hiervon Graf Adolf III. von Schauenburg gegründet wurde, die St. Georgs-Kapelle (dort steht heute die Kirche) und das Ar¬menhaus wurden 1679 als Vorort in die Hamburger Festung eingemeindet.
Auf der Spitze des Kirchturms ragt der heilige Drachentöter St. Georg in den Himmel, im Kirchhof selbst ist ein moderner Georg des Bildhauers Ger¬hard Mareks (1958) zu sehen. Die Ge¬meinde ist seit vielen Jahren in der Aidshilfe engagiert. Ein Kreuz aus Pflastersteinen des Berliner Künstlers Tom Fecht erinnert namentlich an Hamburger Aidsopfer. Angehörige und Freunde können einen Stein für ihre Verstorbenen erwerben, die jedes Jahr am Weltaidstag in einer Zeremo¬nie dem bestehenden Kreuz hinzuge¬fügt werden.
Das Weinlokal Villon im St. Ge¬orgs-Kirchhof 7 mit kleiner Kellerbüh¬ne ist Treffpunkt für Kleinkünstler und solche, die es werden wollen.

Das Dorf
An dem roten Fachwerkhaus in der St. Georg-Straße 5-7 sollte man nicht achtlos Vorbeigehen. Hinter einer Holzpforte im Hinterhof verborgen be¬findet sich der >das Dorf« genannte Kattenhof (Wohnhof). Es handelt sich um eine Fachwerkbebauung nach Art der Hamburger Gängeviertel. Der Fachwerksahlhof entstand nach dem großen Brand 1842 mit Behelfs¬wohnungen für Witwen. Der Hof ist al¬lerdings mit dem Schild »Privat« verse¬hen, wohl auch damit die örtliche Szene den Hof nicht zum Drücken oder Dealen missbraucht. An der Ecke Rautenbergstraße/Holzdamm begeg¬net man dem anderen, vornehmeren St. Georg.

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